Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Warum (fast) alles, was wir über Fußball wissen, falsch ist

In Ländern, in denen es Millionen von Fußballtrainern und Fußballjournalisten gibt, die vor dem Fernseher, am Stammtisch oder auf der Stadiontribüne jedes Spiel haarklein analysieren und jede Aktion der Spieler, Trainer und Schiedsrichter sofort den Kategorien "richtig" oder "falsch" zuordnen können, sollte man davon, dass es ein detailliertes und fachlich gesichertes Wissen zur "schönsten Nebensache" der Welt gibt. Und tatsächlich, Reporter am Fernsehen oder Radio wie auch Experten im Fanblock oder in der Kneipe verfügen über Binsenweisheiten und "Erfahrungswissen", um oft wiederkehrende Spielsituationen oder im Leben einer Mannschaft bzw. eines Sportvereins insgesamt einzuordnen und zu bewerten. Darüber, wie gesichert deren Basis allerdings ist, haben sich die selbst ernannten Experten aber nicht in jedem Fall Gedanken gemacht oder hinterfragen diese auch nicht immer. Angesichts der gerade zum Fußball vorliegenden riesigen Datenmengen bietet sich aber ein sehr interessantes Forschungs- und Bewertungsfeld für alle die, die sich ein tieferes Verständnis vom Fußball in den Vereinen und natürlich auf dem Fußballplatz aneignen möchten. Dabei nimmt dieses Interesse mit zunehmender Leistungsstärke des jeweiligen Teams oder Fußballers zu. Welt- und Europameisterschaften und die Leistungen der dort spielenden Mannschaften erwecken natürlich ein größeres Interesse als Mannschaften und Spieler in einer lokalen oder regionalen Liga. Inzwischen wird der Datenanalyse mit Blick auf die aktuelle Leistungsfähigkeit und die perspektivische Leistungsentwicklung ein sprunghaft gewachsenes Interesse entgegengebracht, was sich in Publikationen wie dem vorliegenden Buch oder auch an Konferenzen wie der jährlichen "Sports Analytics Conference" widerspiegelt. Die Analytik hat sich zu einer "Spitzentechnologie im Sport" entwickelt, die von Topvereinen, -mannschaften und -sportlern in vielen Sportarten konsequent und systematisch genutzt wird. Mit welchen Themen sich die Analytik im Fußball auseinandersetzt und zu welchen, teils erstaunlichen, Ergebnissen sie dabei kommt, ist Gegenstand des vorliegenden Buchs. Dabei ist aber kein wissenschaftliches Standardwerk das Ziel gewesen, aus dem die Trainer und die sie unterstützenden Wissenschaftler die Untersuchungsmethoden und die Formeln lernen sollten, mit denen der zukünftige Erfolg berechnet werden kann, sondern es wird eine Entwicklungsgeschichte der Sportanalytik der letzten 20 Jahre präsentiert. Sie wurde so geschrieben, dass die Leser von Anfang an verstehen sollen, weshalb es zu dieser Entwicklung gekommen ist, was die Protagonisten der ersten Stunde beabsichtigten und erhofften, welche Ideen sie verfolgten und wie sie sie mit den Pionieren in der Sportpraxis umgesetzt haben, auf welche Vorbehalte und Probleme sie gestoßen sind, aber auch welche Fortschritte und Erfolge sie in der Methodenentwicklung und in der praktischen Umsetzung erzielt haben. Wie konnte es gelingen, dass sich die Sportanalytik so durchgesetzt hat, dass sie schrittweise eine solch hohe Akzeptanz erreicht hat und - was nicht vergessen werden darf - daraus auch ein Geschäftsfeld und ein Markt entstand, in dem es noch viel Potenzial zu geben scheint. Der Umgang mit den Daten und ihrer Verarbeitung birgt aber mehrere "Gefahren": Die Datenanalyse kann bisherige Erfolgsrezepte in Frage stellen und zur Notwendigkeit eines doch grundsätzlichen Neudenkens zu den verschiedenen taktischen und technischen Elementen des Fußballs führen und andererseits darf die Datenanalyse aber auch nicht zum Allheilmittel hochstilisiert werden, das den Fußball oder welche andere Sportart, final aus- oder berechenbar macht. Es gibt hunderte von Beispielen die belegen, dass die "Wahrheit tatsächlich auf dem Platz liegt", dass ein erfolgreicher oder missglückter Torschuss, ein berechtigter oder unberechtigten Strafstoß einen extrem großen Einfluss auf das Spielergebnis und die sich daraus ergebende Bewertung durch die Sportler und Trainer, aber auch durch die externen Bewerter haben kann. Faktoren wie Glück oder Zufall, aber auch Erfahrung und Intuition können und sollen nicht aus dem Sport entfernt werden, mit der Sportanalytik können aber Werkzeuge und Analyseergebnisse zur Verfügung gestellt werden, die eine sehr sinnvolle Ergänzung darstellen, um Vereine, Mannschaften oder Sportler mit ihrer Leistung, mit ihrem technischen und taktischen Handeln zu analysieren und besser zu verstehen. Und so bietet die Datenanalyse von Chris Anderson und David Sally einen reichen Schatz an Erkenntnissen, die Trainer und Wissenschaftler, Journalisten und Fans zum Nach- und Weiterdenken zu Leistungsfaktoren im Fußball auffordern. Welches sind denn - nach der Datenanalyse - tatsächlich die wichtigsten Faktoren, die letztlich Einfluss auf Sieg oder Niederlage nehmen, wie sind die Beiträge bzw. Beitragsmöglichkeiten der Mannschaftsteile und Spielpositionen, welche Taktik führt - statistisch gesehen - eher zum Erfolg als eine andere. Und zu diesen und vielen weiteren Fragen wurden von den Autoren umfangreiche Datenanalysen im Hochleistungsbereich des internationalen Fußballs durchgeführt, die den Kern ihres Buches bilden. Das wird auf jeden Fall eine spannende Lektüre ...
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Bibliographic Details
Subjects:
Notations:sport games
Language:German
Published: Reinbek bei Hamburg Rowohlt Taschenbuch Verlag 2014
Pages:415
Document types:book
Level:intermediate