Amateurfußballtrainer der neuen Generation. Grenzgänger am Rande der Ehrenamtlichkeit
Um die Bedeutung der Trainer im größten deutschen Sportverband, dem Deutschen Fußball-Bund, zu verstehen, kann eine Zahl nicht ausreichen. Aber wer sich überlegt, dass es im organisierten deutschen Fußball nicht weniger als 170.000 Mannschaften gibt, von den Altersklassen der Kinder bis zu den Erwachsenen, von Teams in der Kreisklasse bis hin zu den Nationalmannschaften der Frauen und Männer, und dass diese - natürlich - alle von mindestens einem Trainer betreut und geführt werden, dem wird schnell klar, welche Rolle diese Gruppe sowohl im Verband als auch in der Gesellschaft insgesamt spielt.
Ein zweiter Blick und verbunden damit ein tieferer Einblick auf diese Trainergruppe, auf ihre Motive, ihre sportfachliche Ausbildung, auf ihren arbeitsrechtlichen Status, auf ihr Engagement und ihr Honorierung bzw. Bezahlung verdeutlicht ihre Heterogenität. Während die Toptrainer in der Bundesliga der Männer und in den Nationalmannschaften im öffentlichen Interessensfokus stehen und ihren Lebensunterhalt mit ihrer Profession problemlos bestreiten können, sieht das Bild an der sportlichen Basis, in der Kinder- und Jugendarbeit, im Freizeit- und Breitensport komplett anders aus.
Allerdings haben sich die Grenzbereiche zwischen dem Amateur- und dem Profifußball, zwischen ehrenamtlich tätigen Trainern und Trainerprofis in den letzten Jahrzehnten schrittweise, aber an wichtigen Stellen, verändert. Die Tätigkeitsprofile von Trainern in unteren Spielklassen wie auch im Kinder- und Jugendbereich sind in der Vergangenheit immer umfangreicher geworden, da ist nicht nur die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen des Vereins, sondern es gibt auch wachsende Anforderungen an Kontakte mit Schulen, Lehr- oder Arbeitsstellen, mit Eltern und Familien, die medizinische und physiotherapeutische Betreuung hat an Gewicht gewonnen und auch die lokalen und regionalen Medien wollen in verstärktem Maße zu ihrem Recht kommen. Hinzu kommt, dass durch den Deutschen Fußball-Bund die Anforderungen vor gut zehn Jahren erhöht wurden, die an die sportfachliche Ausbildung und Weiterbildung von Trainern in Deutschlands populärster Sportart gestellt werden. Und eigentlich sind all diese Anforderungen neben der beruflichen Tätigkeit zu erfüllen, auch wenn Fußballtrainer ein Honorar erhalten, kann von einer adäquaten Bezahlung nicht die Rede sein. Über viele Jahre wurde deshalb das System der Ehrenamtlichkeit durch das nahezu unentgeltliche Engagement der Trainer getragen, die aus Interesse und Spaß an der Rolle und Aufgabe des Trainers jede Woche den Trainings- und Wettkampfbetrieb an den Wurzeln der Sport- und Vereinsarbeit absicherten.
Mit einer in den letzten Jahren gleichzeitig größer werdenden Erwartungshaltung an Trainer und die von ihnen "produzierten" Mannschaftsleistungen und Ergebnisse wie auch mit einem grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit dem Ehrenamt stellen sich aber verstärkt Fragen, was Trainer in der heutigen Zeit antreibt, um regelmäßig stundenlang auf dem Trainingsplatz zu stehen und ihre Mannschaft(en) bei den Spielen an so vielen Wochenenden zu betreuen.
Bisher gab es zu diesen Fragen kaum oder keine wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse zum Typus des modernen Amateurtrainers im Fußball. Um diesen Zustand zu ändern, hat sich Klaus Hefner dieses Themas angenommen. Dabei bildet die Analyse des traditionellen Fußballvereins als freiwillige Organisation mit dem Ehrenamt als tragender Säule eine wesentliche Grundlage. Er bietet durch die Betrachtung aktueller Entwicklungen in der Vereinslandschaft interessante Einblicke in den organisatorischen Rahmen, in dem Ehrenamtliche heute tätig sind. Darauf aufbauend werden aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse diskutiert, die die Situation für Trainer und Übungsleiter in Sportvereinen beleuchten, um diese Erkenntnisse für die Kennzeichnung des traditionellen Trainertypus zu nutzen.
Aus diesen Teilergebnissen entwickelt der Autor einen Leitfaden für Interviews mit zehn Fußballtrainern im Alter von 28 bis 38 Jahren, die Kreisligamannschaften aus drei Landesverbänden trainieren. Die Trainer sollten einerseits eine zweifelsohne typische Heterogenität repräsentieren, andererseits wurde auch Augenmerk darauf gelegt, dass sie über verschiedene Gemeinsamkeiten verfügten (z. B. jünger als 43 Jahre, ähnliche Interessenslage, weil alle im Amateurbereich tätig waren). Inhaltlich wurde der Fokus auf folgende Teilbereiche gelegt:
- Sport im Leben des Trainers insgesamt,
- Motivation für die Übernahme des Traineramts,
- Selbstbild des Trainers und Führungsstil,
- Professionalisierungstrend und eigener Anspruch,
- Positionen zur Sportart Fußball insgesamt und zu den Werten, die ihm als Trainer wichtig sind, die für ihn motivierend wirken, Vor- und Nachteile, die er in der täglichen Trainerpraxis erlebt,
- Zukunftsperspektive.
Die Interviewdaten wurden dann sowohl für Einzelfallanalysen als auch für fallübergreifende Analysen mit dem Ziel genutzt, in der Zusammenführung einen Typus des modernen Fußballtrainers im Amateurbereich zu beschreiben. Diese Aufgabe wird in einem über die "enge" Typusbeschreibung weit hinausgehende kritische Diskussion dessen, was sich gegenwärtig in der deutschen Vereinslandschaft im (Fußball)Sport abspielt. Viele typische Merkmale eines typischen, auf Ehrenamtlichkeit und Gemeinnützigkeit basierenden Sportvereins sind in der Bewegung und Veränderung und nehmen auf das Bild des Trainers von sich selbst als auch auf das Bild vom Trainer von Externen Einfluss. Dabei scheint eine Entwicklung hin zum "egoistischen Nutzenkalkül" und weg von der Ausrichtung auf "solidarisches Handeln zum wechselseitigen, zielgerichteten Nutzen ohne Gewinnabsichten" von grundsätzlicher Bedeutung zu sein, da davon nicht nur die Trainer, sondern auch und vor allem die Fußballspieler betroffen sind. Das wiederum stellt Grundpfeiler des traditionellen Sportvereins in Frage. Dies wiederum kann zu einer Abnahme der Bereitschaft führen, ehrenamtlich Verantwortung zu übernehmen. Es kann zur Verfremdung der Mitglieder des Vereins kommen, da die eigentlichen Mitgliederinteressen eine geringer werdende Bedeutung erhalten. Die Trainer und der Wandel ihrer Motivation, Interessen und Rollen im Amateursportverein sind für diese Tendenzen ein typisches Beispiel.
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| Schlagworte: | |
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| Notationen: | Theorie und gesellschaftliche Grundlagen Spielsportarten Ausbildung und Forschung |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Münster
Waxmann Verlag
2012
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| Ausgabe: | Münster: Waxmann, 2012.- 264 S. |
| Seiten: | 264 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |