Systematische Spielbeobachtung bei der FIFA-Weltmeisterschaft 2006. Emprisch-statistische Diagnose des Leistungsbeitrages einzelner Spieler
In allen Spielsportarten besitzt die Wettkampfbeobachtung aktueller und perspektivischer Konkurrenten einen sehr hohen Stellenwert, versprechen sich Trainer und Spieler davon doch einen Informationsvorteil, den sie dann im Spiel gegen diesen Gegner versuchen in sportlichen Erfolg umzusetzen. Die dafür eingesetzten Mittel, Methoden und Ressourcen sind gerade im Fußball in den letzten Jahren sehr stark ausgebaut worden. Ganze Scoutingstäbe liefern Profimannschaften und Nationalteams Informationenüber die technische Leistungsfähigkeit einzelner Spieler, über ihre Vorlieben und eventuelle Schwächen. Gleichzeitig werden Informationen über eingesetzte taktische Varianten gesammelt. Dabei wird immer mehr versucht, die Informationen objektivierbar zu machen, was aber angesichts der Wettkampfstruktur im Fußball (aber in vergleichbarer Weise natürlich auch im Eishockey, Handball, Volleyball oder Basketball) auf erhebliche Schwierigkeiten stößt.
Zur Beschreibung und Erfassung der Struktur der Sportspielleistung gibt es empirisch-statistische Ansätze, die u. a. für leistungsdiagnostische Untersuchungen verwendet wurden und werden, bei denen Häufigkeiten relevanter Spielhandlungen ermittelt und mit dem sportlichen Ergebnis in Verbindung gebracht werden. Daraus wird dann ein sog. Spielwirksamkeitsindex für das Team wie auch für einzelne Spieler berechnet. Parallel dazu ist das Interesse an Informationen aus den Sportspielen gewachsen, mit welchen technischen und/oder taktischen Handlungen die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs zu- bzw. abnimmt. Dazu wurden mathematisch-simulative Methoden eingesetzt, die die Prozesshaftigkeit des Leistungsvollzugs berücksichtigen. Während der empirisch-statistische Ansatz stark auf Fähigkeiten orientiert, ist der mathematisch-simulative Denkansatz stärker am komplexen Ereignis des Spiels interessiert.
Für die vorliegende analytische Arbeit und die Untersuchung der Frage, welchen Beitrag einzelne Spieler zum sportlichen Ergebnis ihrer Mannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 geleistet haben, sollten erfolgsrelevante Einzelhandlungen definiert und als Beobachtungskategorien erfasst werden. Da die verschiedenen Handlungen auf dem Spielfeld von sehr unterschiedlicher Bedeutung für das Ergebnis nach 90 oder 120 Minuten sein können, bestand eine vorgelagerte Aufgabe darin, die verschiedenen, erfassten Handlungen in ihrer Bedeutung zu wichten. Die Grundstruktur dieses Modells besteht aus:
Passspiel
Zweikämpfe
Hohe Bälle in den Strafraum
Spiel flacher Bälle
Vorbereitung des Torschuss'
Torschuss
Assists
Tor
Eigentor
Platzverweis.
Viele der Beobachtungskategorien sind nochmals untergliedert. Die Einzelhandlungen wurden mit Punktwerten von +50 für Torerfolg über erfolgreiches Tackling gegen einen ballführenden Gegenspieler mit +14 oder das Spielen eines hohen Balls in den Strafraum mit +11 bis zum verlorenen entscheidenden Zweikampf vor dem Strafraum mit -45 oder Eigentor mit -50 versehen. Für die Zuweisung der einzelnen Punktwerte wurden Expertenbefragungen durchgeführt. Im Ergebnis entstand ein Diagnosemodell, das der Beobachtung und Auswertung aller Spiele der Mannschaften Italiens, Frankreichs, Deutschlands und Brasiliens zugrunde gelegt wurde.
In der Arbeit legt Philipp Knössel ein sehr umfangreiches statistisches Zahlenwert vor, das auf der Analyse von 23 Spielen und 41202 gespielten Minuten besteht. Insgesamt wurden 18670 Spielhandlungen beobachtet und dokumentiert. Aus diesen Handlungen errechnete sich dann sowohl ein mannschaftsspezifischer als auch ein individueller Spielwirksamkeitsindex entweder für das gesamte Turnier oder für ein einzelnes Spiel. Die so ermittelten Werte und Indices ermöglichen Aussagen zum Beitrag einzelner Spieler zur Gesamtleistung des Teams. Gleichzeitig ergibt sich daraus - mit Blick auf die Wirksamkeit der Spieler innerhalb des Teams - eine bessere Vergleichbarkeit. Dabei gilt es, die jeweilige Spielposition und Aufgabe des Spielers im taktischen Spielkonzept zu beachten, was der Autor in der Diskussion der ermittelten Werte verschiedener Spieler erfolgreich leistet. Die Daten liefern in der Interpretation interessante Hinweise zu Spielkonzepten, können aber keinen Aufschluss darüber geben, durch welche Spielhandlungen der sportliche Erfolg letztlich abgesichert wurde. Attraktiver Offensivfußball wird durch das vorliegende Analyseverfahren sichtbar gemacht, was aber nicht gleichzeitig sportlichen Erfolg bedingt. Die auch zum Fußball gehörende Qualität der Abwehrleistung war es letztlich, die Italien zum Triumph führte, ohne dass viele Spieler der Squadra Azzura überragende Spielwirksamkeitswerte erzielten.
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| Subjects: | |
|---|---|
| Notations: | sport games training science |
| Language: | German |
| Published: |
Saarbrücken
VDM Verlag Dr. Müller
2008
|
| Edition: | Saarbrücken: VDM Verlag Dr. Müller, 2008. - 216 S. |
| Pages: | 216 |
| Document types: | book |
| Level: | advanced |