Rollstuhltechnik und Haltestangen

Unterschiedliche Haltestangen haben Einfluss auf die Stoßleistung der Probanden und Probandinnen. Alle Haltestangen verfügen über die biomechanischen Eigenschaften der Energiespeicherung und -abgabe (Jonath et al., 1995; Nigg & Herzog, 1999). Haltestangen mit einer höheren Flex-Nummer sind in Relation zum einwirkenden Impuls stärker biegsam als Haltestangen mit geringeren Flex-Nummern. Bei der Verwendung der Haltestange N1a (Hersteller Nordic) wurden von den Probanden bzw. den Probandinnen bis auf jeweils eine Ausnahme die größten Stoßweiten erzielt. Die größeren Kugelstoßweiten mit der Haltestange N1a sind im Vergleich zu den Stangen L1b und L2b signifikant. Die Haltestange N1a - mit der die meisten Probanden und Probandinnen die größte Stoßweite erzielten - hat einen Fiberglasaufbau und ist durch die Flex-Nummer von 26,5 als biegsamer ausgewiesen als die anderen in der Untersuchung verwendeten Haltestangen (ÖLV, 2007). Durch die Untersuchungen wurde gezeigt, dass - im untersuchten Kollektiv - die Nutzung einer biegsameren Haltestange die Stoßleistung erhöht. Problematisch ist jedoch der Übertrag der Ergebnisse auf die - nicht untersuchte - Zielpopulation. In wie weit diese Empfehlung zu generalisieren ist, ist jedoch nur im Einzelfall zu beurteilen. Diese Empfehlung ist von besonderer Bedeutung, da laut Athletenaussagen im Rollstuhlsport die Haltestangen nach Verfügbarkeit und nicht nach biomechanischen Eigenschaften ausgewählt werden - möglicherweise ist den Athleten bzw. Athletinnen der leistungsförderliche Einfluss der Materialeigenschaften gar nicht bewusst. Da die Materialeigenschaften der Haltestangen einen signifikanten Einfluss auf die Stoßweiten haben, ist es sinnvoll, die Verwendung von Haltestangen a) schon im Nachwuchsbereich des Rollstuhlsports vorzusehen und frühzeitig in das Techniktraining einzubeziehen sowie b) auch in dieser Population den Einfluss verschiedener biomechanischer Materialeigenschaften im Feldversuch zu überprüfen. Hersteller machen mittlerweile das Angebot, Stabhochsprungstäbe nach individuellen Anforderungen zu fertigen. Diese individuellen Voraussetzungen sollten in weiteren Untersuchungen für Rollstuhlleichtathleten und -leichtathletinnen bestimmt werden, um auch in diesem Bereich biomechanisch optimierte Haltestangen zu fertigen. Neben GFK- und Fiberglasstäben werden in den letzten Jahren im Stabhochsprung vermehrt Carbonstangen als Stabhochsprungstäbe eingesetzt. Bisher werden diese Stäbe in der Rollstuhlleichtathletik nicht eingesetzt. In künftigen Untersuchungen sollte thematisiert werden, welches Material mit den jeweiligen biomechanischen Merkmalen einzusetzen ist. Neben dem Kugelstoßen wird auch im Diskus- und Speerwerfen der Rollstuhlleichtathletik eine Haltestange eingesetzt. Bisher gibt es zum Einfluss der Haltestange auf die Wurfleistung in diesen Disziplinen keine Untersuchungen. Ebenso fehlen wissenschaftlich fundierte Untersuchungen, ob für das Diskus- und Speerwerfen Haltestangen mit gleichen oder verschiedenen biomechanischen Eigenschaften wie für das Kugelstoßen verwendet werden sollen und ob sie in gleicher Art und Weise die Leistung unterstützen können.
© Copyright 2010 BISp-Jahrbuch Forschungsförderung 2009/10. Veröffentlicht von Eigenverlag. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Kraft-Schnellkraft-Sportarten Trainingswissenschaft Parasport
Veröffentlicht in:BISp-Jahrbuch Forschungsförderung 2009/10
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Bonn Eigenverlag 2010
Online-Zugang:https://docplayer.org/45754921-Rollstuhltechnik-und-haltestangen.html
Seiten:111-117
Dokumentenarten:Buch
Level:hoch