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Trainingshäufigkeit beim Hypertrophietraining

Eine ausgeprägte Skelettmuskulatur spielt in vielerlei Hinsicht eine wichtige Rolle, sei es aus präventiver, um im Alltag den passiven Bewegungsapparat zu entlasten, oder aus leistungssportlicher Sicht, da die Muskelmasse der entscheidende Faktor für ein ausgeprägtes Maximalkraftniveau ist. Eine Analyse der wissenschaftlichen Literatur bringt ein unbefriedigendes Bild des Kenntnisstandes über die Belastungsnormative bzw. ihre optimale Abstimmung aufeinander, um auf möglichst effektive Weise Muskelwachstum zu erzeugen, zu Tage. Ein großer Teil des heutigen Kenntnisstandes beruht auf Erfahrungen, die über Jahrzehnte im Kraftsport (Gewichtheben, Kraftdreikampf, Bodybuilding) gesammelt wurden. Aus diesem Grund soll diese Untersuchung, in der das Belastungsnormativ der Belastungshäufigkeit im Zentrum des Interesses steht, ein Schritt in Richtung einer Erweiterung des Wissensstandes und einer Optimierung des Krafttrainings zur Entwicklung von Muskelmasse sein. An der Studie nahmen 66 Probanden teil. Die eine Hälfte bestand aus Krafttrainingsanfängern, die andere aus Kraftsportlern mit mindestens zwei Jahren Krafttrainingserfahrung. Trainiert wurde ein-, zwei- und dreimal pro Woche, so dass sich sowohl die Anfänger als auch die Fortgeschrittenen auf jeweils drei Gruppen verteilten. Das Trainingsprogramm fur die Armbeuger (M. biceps brachii, M. brachialis, M. brachioradialis) dauerte acht Wochen und zog eine zweiwöchige Detrainingsphase nach sich, in der zwei Tests durchgeführt wurden. Die Trainingseinheiten wurden, soweit möglich, immer im gleichen zeitlichen Abstand voneinander durchgeführt. Das Training bestand aus 5 Sätzen bei drei Minuten interserieller Pause. Jeder Satz wurde bis zum Muskelversagen ausgeführt. Der letzten eigenständig ausgeführten Wiederholung folgten zwei weitere mit Hilfestellung. Die Wiederholungszahl pro Satz sollte im Bereich von acht bis zwölf liegen. Aufgrund der unvollständigen Regeneration innerhalb der Belastungspause musste von Satz zu Satz das Gewicht reduziert werden, um im angestrebten Wiederholungsbereich zu bleiben. War es dem Proband möglich, mit einer Last zwölf Wiederholungen durchzuführen, wurde das Gewicht für den nächsten Satz beibehalten und im nächsten Training um 2,5 kg erhöht. Für die Erhebung der Daten wurden sechs Termine anberaumt. Vor Trainingsbeginn wurde als erstes mittels Kernspintomographie das Muskelvolumen bestimmt. Am folgenden Tag fanden dann die Krafttests statt (dynamisches und isometrisches Maximum; maximale Wiederholungszahl mit 80 % des dynamischen Maximums). Nach vier Trainingswochen wurde ein Zwischentest durchgeführt, der nur den Krafttest beinhaltete. Diese Tests wurden erneut drei Tage nach dem letzten Training durchgeführt. Um sicher zu gehen, dass die Armbeugemuskulatur vollkommen erholt war und eventuell auftretende Detrainingseffekte erfasst werden konnten, wurden die abschließenden Krafttests erst vierzehn Tage nach dem letzten Training durchgeführt. Der zweite Kernspintomographietermin erfolgte dreizehn Tage nach dem letzten Training. Die Überprüfung der Daten auf Normalverteilung erfolgte mit dem Kolmogorov-Smirnov-Test. Da keine Parallelisierung der Gruppen vorgenommen werden konnte, wurden die beiden Gruppen mittels des Scheffe-Tests auf signifikante Gruppenunterschiede für jeden der untersuchten Parameter hin getestet. Die Uberprüfung der Varianzhomogenität wurde mittels des Levene-Tests vorgenommen. Für den Fall, dass keine Varianzhomogenität gegeben war, erfolgte eine Korrektur der Freiheitsgrade nach Greenhouse-Geisser. Zur Ermittlung von Zusammenhängen zwischen verschiedenen Parametern wurde die Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson berechnet. Zur Analyse der Gruppen- und Testterminvergleiche wurde die zweifaktorielle Varianzanalyse mit Messwiederholung zur Beurteilung der Haupteffekte und der Interaktion herangezogen. Zur Analyse der Einzelvergleiche wurde bei signifikantem F-Wert post-hoc der Scheffe-Test herangezogen. Die Ergebnisse der Kernspintomographie ergaben eine Tendenz zu einer höheren Effektivität, wenn die Trainingshäufigkeit größer als eine Trainingseinheit pro Woche ist. Zwar konnten innerhalb der Gruppen keine signifikanten Unterschiede ermittelt werden, doch zeigte sich sowohl für die drei Anfängergruppen, wie für die Fortgeschrittenen, dass eine Trainingseinheit pro Woche im Mittel zu den schlechtesten Ergebnissen führte. Die Gruppe mit krafttrainingserfahrenen Athleten, die einmal pro Woche trainierte, konnte innerhalb des Untersuchungszeitraums keinen eindeutigen Zuwachs an Muskelmasse verzeichnen. Betrachtet man die Ergebnisse der Tests für die dynamische Maximalkraft, so bestätigten sich die Ergebnisse der Kernspintomographie. Erneut konnten bei den Anfängern alle drei Gruppen eine signifikante Verbesserung verzeichnen, jedoch erbrachten zwei und drei Trainingseinheiten pro Woche eindeutig bessere Leistungssteigerungen. Zwei und drei Trainingseinheiten pro Woche erbrachten eine signifikant bessere Steigerung der dynamischen Maximalkraft als eine Trainingseinheit pro Woche, ohne sich jedoch untereinander signifikant zu unterscheiden. Erneut scheiterte bei den Krafttrainierten die Gruppe mit einer Trainingseinheit pro Woche daran, einen signifikanten Kraftzuwachs zu erzielen. Eine Belastungshäufigkeit von drei Einheiten pro Woche war dem einmaligen Training pro Woche signifikant überlegen. Zweimal Training pro Woche unterschied sich jedoch nur tendenziell von einer bzw. drei Belastungsreizen pro Woche. Insgesamt bestätigte sich auch hier die Tendenz zu einer Trainingshäufigkeit, die über einer Belastungseinheit pro Woche liegt. Die Messungen der isometrischen Maximalkraft konnten die bisher dargestellten Ergebnisse jedoch nicht bestätigen. Nur die Anfängergruppe mit zwei Trainingseinheiten pro Woche konnte in diesem Testkriterium eine signifikante Leistungssteigerung über den Testzeitraum verzeichnen. Alle anderen Gruppen verzeichneten nur einen eher geringen, statistisch nicht abgesicherten, Leistungszuwachs. Vergleicht man die Entwicklung der dynamischen und der isometrischen Maximalkraft, so ist dieses uneinheitliche Bild der Kraftentwicklungen über koordinative Einflüsse zu erklären. Der direkte Vergleich der Anfängergruppen mit den jeweiligen Gruppen mit gleicher Belastungshäufigkeit der erfahrenen Kraftsportler erbrachte keinerlei signifikante Unterschiede, unabhängig davon, welcher der drei Testparameter (Muskelvolumen, dynamische oder isometrische Maximalkraft) zur Analyse herangezogen wurde. Ferner konnte innerhalb dieser Arbeit der hohe Einfluss der Muskelmasse auf die dynamische Maximalkraft untermauert werden. Beide Parameter korrelierten sowohl zu Beginn als auch am Ende der Untersuchung mit hoch signifikanten r = 0,80 bzw. r = 0,83. Abschließend ist festzuhalten, dass sowohl fur Krafttrainingsanfänger und besonders für krafttrainingserfahrene Sportler die zu erwartende Steigerung von Muskelmasse, wie auch der dynamischen Maximalkraft bei einer Trainingseinheit pro Woche gering ist. Während für Anfänger diese Belastungshäufigkeit für einen gewissen Zeitraum ausreicht, um eine Leistungssteigerung und eine Vergrößerung der Muskelmasse zu erzielen, ist langfristig davon auszugehen, dass die Belastungshäufigkeit zu steigern ist. Kurzfristig erbrachten drei Trainingseinheiten pro Woche sowohl bei den Anfängern wie auch bei den Fortgeschrittenen bezogen auf die Entwicklung von Muskelmasse und dem dynamischen Kraftmaximum die tendenziell besten Steigerungen, ohne sich jedoch eindeutig von zwei Trainingseinheiten pro Woche zu unterscheiden. Betrachtet man die Entwicklung der Maximalkraft nach Ende des Trainingsblocks, so zeigt sich besonders bei den Fortgeschrittenengruppe die dreimal pro Woche trainierten in den beiden darauf folgenden Wochen ein weiterer (nicht signifikanter) Anstieg der dynamischen Maximalkraft. Diese verzögerten Anpassungseffekte könnten sowohl in Detrainingseffekten, wie auch in einer Regeneration nach Abschluss des Trainings oder in beiden Mechanismen, begründet sein. Beides könnte darauf hindeuten, dass eine Belastungshäufigkeit von dreimal pro Woche nur über einen begrenzen Zeitraum aufrecht zu erhalten ist, wenn es sich um stark auslastendes bzw. ermüdendes Training handelt. Berücksichtigt man ferner, dass es sich bei den Armbeugern um eine eher kleine Muskelgruppe handelt und damit die Belastung des Gesamtorganismus im Vergleich zu einem Training z. B. der Beinstreckerkette als eher gering anzusehen ist, so darf dies als weiteres Indiz gewertet werden, langfristig zwei Trainingseinheiten pro Woche zur Anwendung kommen zu lassen, um Übertrainingseffekte zu vermeiden. Weitere Studien werden notwendig sein, um den Einfluss des Leistungsniveaus auf das Ausmaß von Krafttrainingsadaptationen genauer beurteilen zu können. Ferner wird zu analysieren sein, welchen Einfluss die in ein Training involvierte Muskelmasse auf die Festlegung der Belastungsnormative hat, unabhängig davon, welcher Adaptationsmechanismus an ein Krafttraining im Zentrum des Interesse steht. Dies gilt auch für das in dieser Untersuchung gewählte Belastungsnormativ der Belastungshäufigkeit. Basierend auf den Resultaten dieser Untersuchung muss festgehalten werden, dass das beste Verhältnis von Trainingsaufwand und zu erwartendem Ertrag bei einer Belastungshäufigkeit von zwei Krafttrainingseinheiten pro Woche zu erwarten ist, wenn das Ziel des Trainings eine Vergrößerung der Muskelmasse ist.
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Bibliographic Details
Subjects:
Notations:training science strength and speed sports
Language:German
Published: Köln Sportverlag Strauß 2007
Edition:Köln: Strauß, 2007.- 201 S.
Series:Wissenschaftliche Berichte und Materialien des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, 2007, 16
Pages:201
Document types:book
Level:advanced